Verkehr

Ausgangssituation

Der Verkehr trägt zu ca. fast einem Fünftel zu den treibhausrelevanten Emissionen in Deutschland bei und ist damit deren drittgrößter Verursacher.  

Auch wenn der spezifische Ausstoß von Treibhausgasen der einzelnen PKW und LKW in den vergangenen Jahren rückläufig war, wird diese Entwicklung durch den weiter zunehmenden Individual- und Lieferverkehr überkompensiert. So hat z. B. der Pkw-Verkehr zwischen 1995 und 2017 laut Umweltbundesamt um über 20 Prozent zugenommen. In der Folge dessen sind die Treibhausgas-Emissionen des Pkw-Verkehrs zwischen 1995 und 2017 um 0,5 % angestiegen.

Auch in und für Gießen ist die hohe Belastung durch den sog. motorisierten Individualverkehr (MIV) und die Lieferverkehre eines der zentralen Probleme.

  • Die Anteile der Stickoxide sind seit Jahren zu hoch und über den gesetzlich zulässigen Werten.
  • Der Anteil des Verkehrs an den Treibhausgasemissionen liegt mit ca. 30 % noch deutlich über dem Bundesschnitt.
  • Sowohl der fließende als auch der stehende Verkehr nehmen zu viel Platz in Anspruch und mindern somit nachhaltig die Aufenthalts- und Lebensqualität in unserer Stadt.
  • Gießen ist für Radfahrerinnen und Radfahrer weiterhin eine wenig erfreuliche Stadt, wie der ADFC erst im April 2019 festgestellt hat.
  • Konzepte, die Verkehre dauerhaft auf die Verkehrsträger des Umweltverbunds zu verlagern, fehlen in Gießen seit Langem (der Bau des Haltepunkts Oswaldsgarten ist hier die Ausnahme zur Regel). Der ÖPNV „hatte in den letzten Jahren nicht so die Lobby in Gießen“, so die damalige Bürgermeisterin und Verkehrsverantwortliche Gerda Weigel-Greilich noch 2016, als die Stadt unter ihrer Leitung gerade über die Köpfe der Anwohnerschaft versucht hatte, die Linie 13 klammheimlich stillzulegen. Selbst kleinflächige Versuche wie die Einrichtung eines autoarmen Wohnens in der Bergkaserne wurden ohne jegliche Bemühungen der Stadt nach kurzer Zeit wieder eingestellt, weil „autoarmes Wohnen in Gießen nicht funktioniert“ (Baubürgermeister Peter Neidel 2018).

Ansätze für eine klimagerechte Mobilität

Klar ist: Weitgehende Einigkeit herrscht darüber, dass der Anteil der Fahrten mit dem eigenen PKW am sogenannten Modal Split, d. h. dem Anteil der verschiedenen Verkehrsträger an den in Gießen zurückgelegten Wegen, so schnell wie möglich deutlich zurückgehen muss. Oder anders formuliert – die Verkehrsträger des sog. Umweltverbunds (Fuß- und Radverkehr, Öffentlicher Personennahverkehr, Carsharing etc.) müssen massiv strukturell gestärkt werden. Spätestens seit dem Zuzug von über 10.000 Personen in den letzten 10 Jahren und den damit zusätzlich in Gießen genutzten mehreren 1.000 PKW stößt das Verkehrssystem an seine Grenzen bzw. ist zum Teil schon überlastet.

Klar ist auch: Autofixierte Lösungen von gestern und vorgestern, wie der Bau neuer Straßen (von der Automeile zum Campus – wie von einigen Politikern angedacht) oder auch der Bau weiterer Parkhäuser an der Stelle des alten Feuerwehrhauses, tragen nichts dazu bei, den PKW-Verkehr zu verringern und die Klimaschutzziele zu erreichen.

Viele Ansätze der aktuell laufenden Verkehrswendeinitiative in Gießen gehen in die richtige Richtung (www.giessen-autofrei.tk) und liefern wichtige und richtige Impulse für die weiteren Prozesse. Sie können und sollen an dieser Stelle jedoch nicht alle einzeln aufgelistet werden.

Ganz wichtig: Das Ziel der Klimaneutralität 2035 muss im zu erstellenden Verkehrsentwicklungsplan eine ganz prominente Position erhalten. Zu Erreichung dieses Ziels sind in der Folge die weiteren Planungen und konzeptionelle Ansätze abzuleiten:

  • Vorrang für den Fuß- und Radverkehr, wo immer möglich – u. a. durch die Einrichtung weiterer Fahrradstraßen in der Innenstadt
  • Reaktivierung der Straßenbahn (genaue Beschreibung siehe ebenfalls www.giessen-autofrei.tk)
  • Einbindung der behördlichen Fuhrparks in Carsharing-Konzepte (sofern dienstrechtlich möglich)
  • Ernsthafte Prüfung einer Linienführung für eine Seilbahn (Bahnhof, Klinikum, Heinrich-Buff-Ring, Automeile, Europaviertel, THM, Philosophikum)
  • Eigene konkrete Zielvorgaben und Pkw-Vermeidungskonzepte der großen Verkehrsverursacher wie der Stadtverwaltung, Hochschulen, UKGM, Regierungspräsidium, Geldinstitute, Karstadt etc.
  • Autofreie Innenstadt: Die Stadt Gent in Belgien hat es neben einigen andere Städten bereits vor längerer Zeit vorgemacht – Autofreiheit führt zu einer höheren Attraktivität der Innenstadt. Für eine solche Entscheidung bedarf es neben dem politischen Mut auch einer guten Planung, die Widerstände ernstnimmt und Strategien entwickelt, mögliche Probleme z. B. für Einzelhandel und Anwohnerschaft in der Konzeptentwicklung zu berücksichtigen und zu beseitigen. In Gent will kaum jemand Autos in die Innenstadt lassen – der große Erfolg hat die Zweifler längst besiegt.
  • Zu prüfen ist zudem, inwieweit die Hochschulen von den Erfahrungen der Universität Bonn profitieren könnten, die im Jahr 2015 erfolgreich eine Parkraumbewirtschaftung eingeführt hat, um den motorisierten Individualverkehr auf Flächen der Universität zu reduzieren. Die dadurch eingenommenen Mittel sind erheblich und könnten auch in Gießen dazu genutzt werden, die Nutzung des Umweltverbunds durch die Studierenden erheblich voranzubringen.
  • Gießen war vor fast 30 Jahren einmal eine der führenden Kommunen in Bezug auf die Nutzung von Carsharing. Leider ist die dynamische Entwicklung des Carsharing-Markts mit inzwischen mehreren Millionen Nutzerinnen und Nutzern weitgehend an Gießen vorbeigegangen. Auch hier gibt es noch erhebliches Potenzial, die Zahl der privat besessenen und genutzten PKW und clevere Sharing-Angebote zu reduzieren.